Werke
















... et iam summa procul villarum culmina fumant
mairoresque cedunt altis de montibus umbrae
Vergil
I. Ekloge





DIE DUNCKLE NACHT
FAHRT AUS

I

Schwer zu entdecken sind nämlich
die zwischen den Schiefertafeln
eingelagerten geflügelten Wirbeltiere
der Vorzeit. Seh ich aber die Nervatur
des vergangenen Lebens vor mir
in einem Bild, dann denk ich immer,
es hätte dies etwas mit der Wahrheit
zu tun. Das Gehirn arbeitet ja fortwährend
mit irgendwelchen und sei es ganz
schwachen Spuren der Selbstorganisation,
und manchmal entsteht daraus
eine Ordnung, stellenweis schön
und beruhigend, doch auch grausamer
als der vorherige Zustand der Ignoranz.
Wie weit überhaupt muß man zurück, um
den Anfang zu finden? Vielleicht
bis zu jenem Morgen des 9. Januar 1905,
an dem der Großvater und die Großmutter
bei klirrender Kälte in einer offenen
Kutsche von Kloster Lechfeld nach
Obermeitingen fuhren, sich trauen zu lassen.
Die Großmutter im schwarzen taftenen Kleid
mit einem Papierblumenstrauß, der Großvater



in der Uniform, den messingverzierten
Helm auf dem Kopf. Was haben sie sich gedacht,
als sie, die Pferdedecke über den Beinen,
in dem Gefährt nebeneinandersaßen und
das Hallen des Hufschlags hörten
in der kahlen Allee. Was dachten sich
später die Kinder, deren eines
aus einem im Kriegsjahr 1917
in Allarzried aufgenommenen
Klassenfoto angstvoll
herausstarrt. Achtundvierzig armselige
Artgenossen, die Lehrerin rechterhand,
links der kurzsichtige
Kaplan und als Vermerk auf der rückwärtigen Seite
des fleckigen grauen Kartons
die Worte 'in der Zukunft
liegt der Tod uns zu Füßen',
einer jener dunklen Orakelsprüche,
die man nie mehr vergißt. Auf einer andern
Photographie, von der ich einen größeren
Abzug besitze, ein Schwan und sein Spiegel-
bild auf der schwarzen Fläche des Wassers,
ein völliges Gleichnis des Friedens.
Um den Teich die botanische
Anlage befindet sich meines Wissens
am Ufer der Regnitz in Bamberg,
und ich glaub, es führt heute
eine Straße durch sie hindurch.
Das Ganze macht zunächst einen
irgendwie undeutschen Eindruck,
die Ulmen, Rüstern und dichtgrünen
Koniferen im Hintergrund, das kleine
Pagodengebäude, der feine geharkte
Kies, die Hortensien, Schilflilien,
Aloen, der Straußfederfarn und
der riesenblättrige Zierrhabarber.
Erstaunlich für mich auch die Personen,
die zu sehen sind auf dem Bild.
Die Mutter mit einem offenen
Mantel, von einer Unbeschwertheit,
die ihr später abhanden kam; der Vater,
ein wenig abseits, die Hände in den Taschen,
auch er, scheint es, sorglos.
Man schreibt den 26. August 1943.
Am 27. Abreise des Vaters nach Dresden,
von dessen Schönheit seinem Gedächtnis,
wie er auf meine Fragen bemerkt,
nichts in Erinnerung geblieben ist.
In der Nacht auf den 28. flogen
582 Maschinen einen Angriff
auf Nürnberg. Die Mutter,
die am anderen Morgen
nachhause ins Allgäu
zurückfahren wollte,
ist mit der Bahn bloß
bis nach Fürth gekommen.





Von dort aus sah sie
Nürnberg in Flammen stehn,
weiß aber heut nicht mehr,
wie die brennende Stadt aussah
und was für Gefühle sie
bei ihrem Anblick bewegten.
Sie sei, so erzählte sie neulich,
von Fürth aus am selben Tag noch
nach Windsheim zu einer Bekannten
gefahren, wo sie das Schlimmste
abgewartet und gemerkt habe, daß
sie schwanger geworden sei.
Was die brennende Stadt betrifft,
so hängt im kunsthistorischen
Museum in Wien ein Bild Altdorfers,
auf dem Lot dargestellt ist
mit seinen Töchtern. Am Horizont
lodert ein furchtbares Feuer,
das eine große Stadt verdirbt.
Rauch steigt auf aus der Gegend,
an den Himmel schlagen die Flammen,
und im blutroten Widerschein
sieht man die dunklen
Fassaden der Häuser.
Im Mittelgrund ist ein
Stück grüne idyllische Landschaft,
und dem Beschauer zunächst
wird das neue Geschlecht
der Moabiter gezeugt.
Als ich dieses Gemälde
im vorvergangenen Jahr
zum erstenmal sah,
war es mir, seltsamerweise,
als hätte ich all das
zuvor schon einmal gesehen, und wenig später hätte ich
bei einem Gang über
die Friedensbrücke fast
den Verstand verloren.




II

Als ich am Christi Himmelfahrtstag
des Vierundvierzigerjahrs auf die Welt kam,
zog gerade die Flurumgangsprozession
unter den Klängen der Feuerwehrkapelle
an unserem Haus vorbei in die blühenden
Maifelder hinaus. Die Mutter nahm dies
zunächst für ein gutes Zeichen, nicht ahnend,
daß der kalte Planet Saturn die Konstellation
der Stunde regierte und daß über den Bergen
schon das Unwetter stand, das bald darauf
die Bittgänger zersprengte und einen
der vier Baldachinträger erschlug.
Abgesehen von dem vielleicht verheerenden
Eindruck, den dieses in der Dorfgeschichte
unerhörte Ereignis zu Beginn meines Lebens
auf mich gemacht haben mag, und abgesehen
von dem tosenden Feuer, das eines Nachts,
kurz vor meiner Einschulung ist es gewesen,
ein unweit gelegenes Sägewerk verschlang
und die ganze Talschaft erhellte, bin ich,
dem anderwärts furchtbaren Zeitlauf zum Trotz,
am Nordrand der Alpen, wie mir heut scheint,
aufgewachsen ohne einen Begriff der Zerstörung.



Aber daß ich vielfach auf der Straße gestürzt
und mit einbandagierten Händen oft im Fenster
bei den Fuchsienstauden gesessen bin,
auf das Nachlassen der Schmerzen gewartet
und stundenlang nichts als hinausgeschaut habe,
brachte mich früh auf die Vorstellung
von einer lautlosen Katastrophe, die sich
ohne ein Aufhebens vor dem Betrachter vollzieht.
Über das, was ich mir damals ersonnen,
als ich in den Krautgarten hinabsah,
in dem die Klosterfrauen mit ihren weißen
gestärkten Hauben so langsam sich
zwischen den Beeten bewegten,
als seien sie vor einem Augenblick
noch Raupen gewesen, über das
bin ich immer noch nicht hinaus.



Die Sinnfigur der nicht näher
identifizierten Katastrophe ist mir
seit jener Zeit ein zwergwüchsiger Tatare
mit einer roten Kopfbinde und einer weißen
gekrümmten Feder. In der Anthropologie
ist diese oftmals mit gewissen Formen
der Selbstverstümmelung assoziierte Gestalt
ausgewiesen als die des Adepten, der
einen Schneeberg ersteigt und lang
dort verweilt, wie es heißt, unter Tränen.
An der windstillen Stelle des Herzens
trage er, so hab ich letzthin gelesen,
ein Pferdchen aus Ton. Magische
Kreuzworträtsel murmelt er gern, redet
von einem Scherenschnitt, einem Fingerhut,
einem Nadelöhr, einem Stein im Gedächtnis,
einem Wallfahrtsort und von einem Würfelchen
Eis, gefärbt mit einem Jota Berliner Blau.
Eine lange Reihe winziger Schrecken
aus der ersten und zweiten Vergangenheit,
nicht übersetzbar in die gesprochene
Sprache der Gegenwart, bleiben sie
ein lückenhaftes corpus, bewacht
von Fungisi und dem Schatten des Wolfs.
Danach kommen die sehon ein wenig,
größeren Kinder, die glauben, daß
die Elternteile auf dem Möbelpferd
voraufreiten, das Quartier zu machen,
indes sie in der dunklen Kiste
auf der Reise nach Gmunden
das Nachtmahl verzehren,
zwei Häfen Kaffee trinken,
das Butterbrot aufschmiern
und vom Hering und Rettig
ganz schweigen. Monatelang
dauerte sehen das Sterben
der Großmutter, immer weiter
stieg ihr das Wasser in den Leib,
während im Dorfladen ein Steckbrief hing,
der vergilbte Terror des Kartoffelkäfers.
Am Waldrand schaute oft ein Mohr

aus einem amerikanischen Panzer,
und im Finstern sahn wir,
die Röcke hehend, die heilige
Elisabeth, vorsichtig über
glühende Pflugscharen schreiten.
In der Schule zählte der Pedell
seine Schlüssel, sangen die Palmkätzchen
hintcr dem Kruzifx ihr Credo,
war in der Griffelschachtel
auf einem Fetzchen Papier
schon die Losung unserer
staubigen Zukunft. So ist
denn der eine Wirt, der andre
Koch, der dritte Kellner und
der vierte gar nichts geworden.
Und von der Anhöhe aus sieht man
die rauchigen Schatten
im Tal von Jehosaphat.
Die Magnetisiernadel weist zitternd
nach Norden, ich spüre den galvanischen
Geschmack auf der Zunge, ein inwendig
physikalisches Wunder mit feinem
Hornsilber ganz dünn überzogen.
Die gefürchtete Schwärzung
an gewissen Stellen
des Körpers bestätigt
alles auf schönste.







In einem chinesischen Grillenkäfig
hielten wir eine Zeitlang das Glück
eingesperrt. Die Paradiesäpfel wuchsen
prächtig, es lag eine Menge Gold
auf der Tenne, und du sagtest,
über den Bräutigam müsse man
wachen wie über einen Gelehrten
bei Nacht. Es war öfter Carneval
für die Kinder. Lämmerwölkchen
standen am Himmel. Die Freunde
kamen verkleidet als Ormuzd und
Ahriman. Doch dann war da unversehens
diese Sache mit dem eleganten
Herrn in der Oper, und ich fand
eine Blindschleiche im Hühnerhaus.
Eine Krähe verlor im Flug eine weiße
Feder, der Pfarrer, ein hinkender
Bote im schwarzen Überzieher,
erschien am Neujahrsmorgen allein
auf der weiten verschneiten Flur.



Seither wappnen wir uns
mit Geduld, seither rieselt
der Sand durch den Briefkasten,
haben die Topfpflanzen so eine Art,
sich auszuschweigen. Nordländisches
Trauerspiel, Schach- und Winkelzüge,
zwangsläufig vollzieht sich immer
das Ende. Warum müht man sich
nur mit so einem schwierigen
Unternehmen? Als Trost bleibt
das Unglück anderer Leute
giftgelb am Hut der Geliebten
und war doch früher so schön.
Prosa aus dem letzten Jahrhundert,
ein Kleid, das sich in den Disteln
verfing, ein bißchen Blut, eine
Exaltation, ein zerrissener Brief,
ein Uniformsternchen und längere
Aufenthalte am Fenster. Ungute
Phantasien in einer dunklen
Kammer, nachgetragene Sünden,
ja Thränen sogar und im Gedächtnis
der Fische ein sterbendes Feuer,
Emma, wie sie den Hochzeitsstrauß
verbrennt. Was soll da ein armer
Landarzt sich denken? Beim Leichenbegängnis
träumt er von einem glänzenden Paar
Lackstiefeln und einer posthumen
Verführung. Jetzt aber kommt
eine farblose Zeit. Du, inmitten
der blendenden Obszönität
werd ich dein banges
Auge erinnern, wie ichs
zum erstenmal sah,
damals, als wir in Haarlem
durch eine Deichlücke schwammen.
ORKUOSSUOMAY YAMOUSSOUKRO
Jahrestage und Zahlen,
wie lang ist das alles her,
ein Buchstabenfeld, kaum
7,u entziffern durch die gläsernen
Linsen. Eigentlich, hör ich
die kleine chinesische
Optikerin sagen, eigentlich
müßten Sie das jetzt leicht
lesen können, und einen Augenblick
lang spür ich ihre Fingerkuppen
an meinen Schläfen, spüre,
wie eine Welle mein Herz
durchquert, und seh in dem hellen
Geviert des Testbilds
aneinandergereiht die Lettern
YAMOUSSOUKRO, den Namen,
ich weiß es genau, eines
großen rostigen Schiffs
aus Abidjan, das ich verjähren
einmal auslauten sah
aus dem Hamburger Hafen.
Schwarze Matrosen standen
an die Reling gelehnt.
Sie winkten im Vorbeifahrn
herüber, die Sonne ging eben
unter, und die Schatten
zitterten schon
an den Rändern.





IV

Begeistert von dem wahrhaftig
grenzenlosen Wachstum
der Industrie, hat der Staatsmann
Disraeli Manchester die wundervollste
Stadt der Neuzeit genannt,
ein himmlisches Jerusalem,
dessen Bedeutung allein die Philosophie
zu ermessen vermöge. Ein halbes
Leben ist es nun her, daß ich,
nach meinem Aufbruch aus der Provinz,
dort ankam und Wohnung bezog
zwischen den Ruinen aus dem letzten
Jahrhundert. Viel bin ich damals
über die brachen elysäischen
Felder gegangen und habe das Werk
der Zerstörung bestaunt, die schwarzen
Mühlen und Schiffahrtskanäle,
die aufgelassenen Viadukte
und Lagerhäuser, die Abermillionen
von Ziegeln, die Spuren des Rauchs,
des Teers und der Schwefelsäure,
bin lange gestanden an den Ufern
des Irk und des Irwell, jener
jetzt toten mythischen Flüsse,
die schillernd zu besseren Zeiten
geleuchtet haben azurblau,



karminrot und giftig grün,
spiegelnd in ihrem Glanz
die Baumwollwolken, die weißen,
in die aufgegangen war ohne ein Wort
der Atem ganzer Legionen von Menschen.
Und das Wasser führte sie abwärts
mit dem Salz und der Asche
durch das Marschland hinaus
auf die See. Es bahnen die stillen
Mutationen den Weg in die Zukunft.
Im Verlauf von drei Generationen
war die Arbeiterschaft von Manchester
zu einem Geschlecht von Zwergen geworden.
Freiwillige, die zu Kriegszeiten in den Dienst
mit der Waffe zu entkommen suchten,
wurden von den Behörden als untauglich
abgewiesen, wofern sie nicht Aufnahme fanden
in einem der sogenannten Bantamregimenter,
die ihre diminutiven Soldaten aus dieser Stadt
und der umliegenden Gegend rekrutierten.
In einem Fall wie im ändern
zählten sie zu den obskuren
Scharen, denen der Fortschritt
der Geschichte sich verdankt.
Von meinem Arbeitsplatz aus
glaubte ich die Irrlichter
ihrer Seele zu sehen, wie sie
als winzige Fackelbrände
die Müllhalden der City Corporation
durchgeisterten, ein rauchendes



Riesengebirge, das sich, so schien es mir,
bis hinüber ins Jenseits erstreckte.
In der Dämmerung durchschnitten
zumeist die Scheinwerferkegel
der dort herumkriechenden
Planierraupen den Luftraum,
und Flugzeuge, die grauen Brüder
der Vorzeit, erhoben sich unendlich
langsam aus den Lagunen und Sümpfen.
Ich erinnere mich, daß diese Bilder
mich damals oft in einen quasi
sublunaren Zustand schwerer
Melancholie versetzten, daß ich
dann ununterbrochen die eintönigen
Schwingungen einer Maultrommel vernahm
und wiederholt vor Beklemmung außer
Haus gehen mußte. Tagelang hab ich im Souterrain der Universitätsbibliothek
die Schriften des Paracelsus gelesen,
wo es heißt, von septentrione
gehe nichts Gutes und
daß der Leib von der Krankheit
gefärbt wird wie ein Tuch
von einer frembden Farb.
Oft bin ich auch auf der Wanderung
durch die Straßenzüge eingekehrt
in eine der vielen infernalisch
glitzernden Wirtschaften, mit Vorliebe
freilich in Liston's Music Hall,
wo ein strahlend blauäugiger,
völlig verwahrloster Heldentenor,
der stets einen überlangen Wintermantel
und einen Homburg trug, von einer Wurlitzer-
orgel begleitet Tannhäusers Arien sang.
Und in die Gospelkirchen bin ich hin
und wieder gegangen und Zeuge geworden,
wie die Siechen reihenweis
unterm Geschrei der Gemeinde
gesund und selbst Blinde
sehend gemacht wurden.



Einmal auf der Suche
nach dem sternförmigen
Gefängnis Strangeways,
einem überwältigenden panoptischen
Bau, dessen Mauern so hoch sind
wie diejenigen von Jericho, geriet ich,
in einer Art Niemandsland hinter
den Bahnhöfen, in eine niedrige und
anscheinend zum Abbruch bestimmte
Häuserzeile mit aufgegebenen Läden,
auf deren Schildern die Namen
Goldblatt, Grünspan und Gottgetreu,
Spiegelhalter, Solomon, Waislfisch
und Robinsohn zu lesen waren.
Im Wind bewegte sich eine Tür
wie zum Zeichen. Angeschlagen
an ihr war eine alte Affiche
für das Musical Oklahoma.
Der Eingang zum Naturtheater
stand offen. Ich horchte
noch auf ein Schwingen im Aether,
da marschierte mit martialischer
Blechmusik, Signalhörnern
und Trommeln, ein Zug olivgrüner
Kindersoldaten die Straße herunter,
zog an mir vorbei und war plötzlich,
wie vom Boden verschluckt, verschwunden.
Wenn ich Herrn Deutsch etwas
von diesen Dingen erzählte,
schüttelte er seinen Kopf
und sagte 'Seltsam, sehr
seltsam'. Herr Deutsch,
der aus Kufstein stammte,
war im Achtunddreißigerjahr
als Kind nach England gekommen.
An vieles konnte er sich nicht mehr
erinnern; einiges brachte er nicht mehr
aus dem Sinn. Des Englischen war er
nicht mächtig geworden, obschon
er seit Jahren tagtäglich
mit dem Ausdruck äußerster
Angespanntheit das gesamte
Fernsehprogramm verfolgte,
als erwarte er jeden Augenblick
eine alles entscheidende Nachricht.


V

Als ich im Sommer vergangenen Jahres
den Ingenieur D. in Zürich besuchte,
saß er bei einem offenen Fenster
und wendete immer wieder ein Stück
Feldspat in seiner Hand. Sehen Sie,
sagte er, draußen verwildert der Garten,
fast bin ich schon mitten im Laub.
Das erinnert mich an die Wanderung
durch die Wüste. Wieviel Maschinen
hatte ich nicht gebaut, Anlagen
entworfen, bis ich den Glauben
verlor an die Wissenschaft,
der ich mein Leben lang diente.
Ich war angekommen in einer der toten
Buchten der Zeit, hatte wie jener
Tatare mit der roten Kopfbinde
und der weißen gekrümmten Feder
den Berg erstiegen und überblickte
die Stadt, ein abgeblaßtes Bild
des großen Diluviums lag sie
vor mir. Ich spürte das Zittern
der Antennen auf den Dächern
der Häuser als ein Kräuseln
in meinem Gehirn, konnte,
weit draußen, das Gaußsche
Rauschen hören, ein gleichförmiges,
über die ganze Tonleiter gestreutes
Geräusch, von der Erde bis hinauf
in den Himmel, wo die Sterne
im Äther schwimmen. Viele
furchtbare Mitternächte
des Zweifels hab ich seither
verbracht, doch kehrt nun der Frieden
ein in den Staub, und ich lese
in den Naturbeschreibungen
des 18. Jahrhunderts, wie ein
grünendes Land versinkt
in den blauen Schatten des Jurassus
und zuletzt nur das verjährte Eis
auf den Alpen noch einen schwachen
Widerschein hat. Von einem seltenen
Licht erfüllt sind die Zeilen
Hallers und Hölderlins, und doch
ist auch hier bereits Irrsal, so weit
das Herz reicht. Es sind nämlich
nicht ins Gleichmaß zu richten
die Entwicklungsbahnen großer
Systeme, zu diffus ist der Akt
der Gewalt, das eine immer
der Anfang des ändern
und umgekehrt. Taurus
draconem genuit et draco
taurum, und es ist nirgends
ein Einhalt. Fahren Sie also,
sagte der Ingenieur D., noch heut.
Das Land brennt schon, und überall
brennen die Wälder, es knistert
in den gefächelten Blättern das Feuer,
und es breiten die afrikanischen
dürren Ebenen sich aus.
Noch vielleicht sehn Sie
auf Ihrer Reise eine goldene
Küste, eine vom Regen gefirnißte
Gegend oder ein Schulkind auf dem Weg
über ein schönes Gefilde. So ist
wieder ein Glück erlebt,
denkt, wer ein wenig genest.
Das schattige Ufer taucht auf
eines Sees, die Fläche des Wassers,
die Bänder der Felsen und
in der obersten Höhe das bunte
Gefieder des Drachens, Ikarus,
segelnd inmitten der Ströme
des Lichts. Unter ihm teilt sich
die Zeit, der Rheingletscher
in zwei mächtige Arme,
ragen die Churfirsten auf,
erhebt sich das Säntisgebirge,
Kreideinseln, hell
in der Eisflut glühend.
Neigt sich sein Äug denn,
stürzt er jetzt ab,
hinein in den See,
wird sich, wie auf Brueghels
Gemälde, das schöne Schiff,
der pflügende Landmann, die ganze
Natur irgendwie abwenden
vom Unglück des Sohns?
Mich führen die Fragen
über die Grenze. Am Arlberg
ziehet ein Wetter herauf.
Ich seh hinab in das Tal,
und mir schwindelt die Seele.
Wieder ein Sommer vergangen.
Und wie Efeu hänget, schrieb Hölderlin,
astlos der Regen herunter. Moosrosen
wachsen auf den Alpen. Avignon waldig.
Über den Gotthard tastet das Roß.


VI

Wenn der Morgen anhebt,
die Kühle der Nacht
hinauszieht in das Gefieder
der Fische, wenn wieder
sichtbar wird der Umkreis
der Luft, dann trau ich
dem Frieden bisweilen und
nehme mir vor, einen neuen
Anfang zu machen, einen Ausflug
vielleicht in eine Gegend
für tarnfarbene Ornithologen.
Komm, meine Tochter, komm
gib mir die Hand, wir verlassen
die Stadt, ich zeig dir die von der Flut
jeden Tag zweimal angetriebene Mühle,
ein ächzendes Wunderwerk
aus Rädern und Riemen,
das die Kraft überträgt
des Wassers bis hinein in die Steine,
bis in den rieselnden Staub
und in die Leiber der Spinnen.
Der Müller ist freundlich,
hat saubere weiße Pfoten,
erzählt uns allerlei
Rauh aus der Geschichte
des Mehls. Vor hundert
Jahren verschwand hier
Edward Fitzgerald, der Übersetzer
Omar Khayyams. In schon fortgeschrittenem
Alter bestieg er eines Tages sein Boot,
segelte mit festgebundenem Zylinder
hinaus auf die Nordsee und ward
nie mehr gesehn. Ein großes Geheimnis,
mein Kind, sieh, hier sind elf Hügel
für die Toten und im sechsten
der Abdruck eines vergangenen
Schiffs mit vierzig Rudern,
das Grab des Raedwald von Sutton Hoo.
Merowingische Münzen, schwedisches
Rüstzeug, byzantinisches Silber
nahm der König mit auf die Reise,
und seine Krieger, sie halten
in diesem sandigen Landstrich
noch heut ihre Waffen verborgen
in grasüberwachsenen Bunkern,
hinter Erdwällen, Stacheldraht
und Föhrenplantagen, ein einziges
Arsenal, so weit das Aug reicht,
und nichts sonst als dieser Himmel,
das Ginstergestrüpp und ab und zu
ein Großbetrieb der Geriatrie,
ein Zucht- oder Irrenhaus,
eine Anstalt für Schwererziehbare.
In orangeroten Jacken siehst du
die Sträflinge arbeiten
in langer Linie im Moor.
Dahinter das Ende der Welt,
die fünf kalten Häuser
des Orts Shingle Street.
Eine Frau steht untröstlich
am Fenster, eine Kinderschaukel
verrostet im Wind, ein einsamer
Spion sitzt in seinem Wohnmobil
in den Dünen, den Radioempfänger
am Ohr. Nein, hier können wir
keine Postkarten schreiben,
nicht einmal aussteigen
können wir hier. Kind, sag mir,
drückt dich dein Herz wie mich
meines, Jahr um Jahr
aufgeschüttet von den Wellen
des Meers eine Kiesbank
bis hinauf in den Norden,
jeder Stein eine tote Seele
und dieser Himmel so grau,
so gleichmäßig grau,
und so niedrig
hab ich den Himmel
noch nirgends gesehn.



Den Horizont entlang
ziehen die Frachter
hinüber in eine andere Zeit,
gemessen am Ticken
der Geiger im Kraftwerk
von Sizewell, wo sie langsam
den Kern des Metalls
zerstören. Raunender
Wahnsinn auf der Heide
von Suffolk. Is this
the promis'd end? Oh,
you are men of stones.
Was todt ist, das
bleibt todt. Aus lieben
kommet Leben. Ich weiß nicht,
wer mir sagt, was? wie?
wo oder wenn? Ist nun
die Liebe nichts? als Alles?
Wasser? Feuer? Gut?
Böse? Leben? Todt?




VII

Herr, mir hat es geträumt,
die Alexanderschlacht anschaun
sei ich eigens nach München
geflogen. Es war, als die Dunkelheit
einbrach, und weit unter mir
sah ich das Dach meines Hauses,
sah die Schatten sich legen
über die ostenglische Landschaft,
den Saum der Insel sah ich,
die Wellen auflaufen am Sand
und in der Nordsee die Schiffe
unbeweglich vor ihrer schaumweißen Spur
. So, wie ein Rochen schwebt in der Tiefe
des Meers, so glitt ich lautlos,
kaum einen Flügel rührend,
hoch über die Erde hin,
über die Mündung des Rheins
und folgte stromaufwärts
der Straße des schwer und bitter
gewordenen Wassers. Die Städte,
phosphoreszierend am Ufer,
die glosenden Werke der Industrie,
unter den Rauchfahnen wartend
gleich Ozeanriesen auf das Dröhnen
des Horns, die zuckenden Lichter
der Eisen- und Autobahnen, das Murmeln
der millionenfach sich vermehrenden Muscheln,
Asseln und Egel, die kalte Fäulnis,
das Ächzen in den felsigen Rippen,
der Quecksilberschein, die Wolken,
durch die Türme von Frankfurt jagend,
die zerdehnte und die beschleunigte Zeit,
dies ging alles mir durch die Sinne
und war dem End schon so nah,
daB jeder Hauch das Gesicht
erschauern machte. Fine Brandung,
rauschten die Bergeichen an den Hängen
des Odenwalds, und dann war da eine Wüste
und Ödnis, durch deren Täler
der Wind den Staub trieb
der Steine. Ein zweimal geschliffenes
Schwert trennte von der Erde
den Himmel, es floB ein Leuchten
herein in den Raum, und das Ziel
meines Ausflugs, die Vision
Altdorfers, tat sich auf.
Weit über hunderttausend,
verkünden die Inschriften,
zählen die Toten, über denen
die Schlacht wogt zur Errettung
des Abendlands in den Strahlen
einer versinkenden Sonne.
Eben wendet sich das Geschick.






Im Zentrum des grandiosen Getümmels
der Banner und Fahnen, Lanzen und
Spieße und Stangen, der kürassierten
Leiber der Menschen und Tiere,
Alexander, der Held der westlichen
Welt auf seinem Schimmel,
und vor ihm auf der Flucht,
in die Richtung der Sichel des Mondes,
Darius, den Ausdruck des hellen
Entsetzens im Antlitz. Als glücklich
beschrieb der kluge Kaplan,
der einen Öldruck des Schlachtbilds
neben der Tafel aufgehängt hatte,
diesen Ausgang der Dinge. Er sei,
sagte er, eine Demonstration
der notwendigen Vernichtung aller
aus dem Osten heraufkommenden Horden
und also ein Beitrag zur Geschichte des Heils...

Seither hab ich bei einem andern
Lehrer gelesen, wir hätten den Tod vor uns,
so etwa wie im Schulzimmer an der Wand
ein Bild der Alexanderschlacht.



Ich weiß jetzt, wie mit dem Aug
eines Kranichs überblickt man
sein weites Gebiet, wahrhaftig
ein asiatisches Schauspiel,
und lernt langsam an der Winzigkeit
der Figuren und der unbegreiflichen
Schönheit der Natur, die sie überwölbt,
jene Seite des Lebens zu sehen,
die man vorher nicht sah. Wir blicken
über die Schlacht hin und sehen,
von Norden nach Süden schauend,
sehn wir ein Lager mit weißen
persischen Zelten im Abendglanz liegen



und eine Stadt an der Küste.



Draußen mit geschwellten Segeln
fahren die Schiffe, und die Schatten



rühren bereits an Zypern, und jenseits
dehnt das Festland Ägyptens sich aus.



Das Nildelta ist zu erkennen,
die Halbinsel Sinai, das rote Meer



und weiter noch in der Ferne
das im schwindenden Licht sich
auftürmende Schnee- und Eisgebirge
des fremden, unerforschten und
afrikanischen Kontinents.




Die Tafelinschrift (lat.) lautet:
ALEXANDER M DARIVM ULT SVPERAT
CAESIS IN ACIE PERSAR PEDIT C M EQUIT
VERO X M INTERFECTIS MATRE QVOQVE
CONIVGE; LIBERIS DARII REG CVM HAVD
AMPLIVS EQVITIB FVGA DILAPSI CAPTIS
"Alexander der Große besiegt den letzten Darius;
nachdem in den Reihen der Perser hunderttausend Mann zu Fuß und
über zehntausend persische Reiter erschlagen
und Mutter, Gemahlin und Kinder des Königs Darius mit etwa 1000 Mann
in Auflösung fliehend in Gefangenschaft gerieten"

1529 malt Altdorfer eines der wichtigsten Werke deutscher Malerei im
Auftrag vom Wittelsbacher Herzog Wilhelm IV.
Öltempera auf Lindentafel, 158 x 120 cm
Griechen in weiß-blau, Perser in Rot, teilweise mit Turbanen.
1529 stehen die Türken vor Wien, Altdorfer beschwört den Sieg
des Abendlandes über das Morgenland

Die Schlacht bei Issos im Jahr 333 v. Chr. ist das erste direkte Aufeinandertreffen der
Kriegsherren Alexander des Großen auf makedonischer und Dareios III. auf persischer Seite.
Die Griechen/Makedonen wollen sich - so das offizielle Kriegsziel - mit ihrem Feldzug
für die Zerstörungen rächen, die die Perser fast 150 Jahre zuvor in Griechenland
(besonders in Athen) verursacht haben. Alexander strebt zudem nach Ruhm und Eroberungen.


Mir hat es geträumt, Herr, ich sei ...
Die Schilderung des Fluges von seinem Haus in Poringland nach München, um dort in der Alten Pinakothek die Alexanderschlacht anzuschauen, vermittelt uns den Eindruck, als spräche Sebald von einer Position jenseits des Lebens oder auf der Schwelle zwischen Leben und Tod zu uns.
Auch die Beschreibung des Fluges und Schlachtbildes hält er außerirdisch und jenseitig, wie die Schlusspassagen der vorausgehenden, Grünewald und Steller gewidmeten Gedichtteile, die jeweils die Vision enthalten, in der das irdische Leben des Künstlers und Naturalisten in einen jenseitigen Bereich schreitet.

„Mir hat es geträumt, Herr“ - der dritte Teil des Elementargedichts hebt als Gebet an, der Betende berichtet seine Traumvision aus einer anderen Welt mit parataktischen Parallelkonstruktionen, rhythmischen Wortwiederholungen und Kadenzen, die an die Psalmen der Bibel erinnern.
Trotz der biblischen Ankläge, trotz der Tatsache, dass der Betende in dem Moment, als er von der Schilderung seines Fluges zur Beschreibung des Altdorefergemäldes übergeht, ein Bild der Offenbarung des Johannes entlehnt (das zweifach geschliffene Schwert), blendet Sebald die jüdisch-christliche Tradition zugunsten einer radikal anderern Jenseitsvision aus:
Das Ich des Gedichts, das sich im Auffinden, Konstruieren und Evaluieren von Bildern aller Art auszeichnet, eine Figur, die in und über Bilder mit längst verstorbenen Künstlern kommunizieren und so in die Vergangenheit wie in die Zukunft reisen kann, entpuppt sich in dieser Schlusspassage als Schamane, erinnert an Mircea Eliade vor allem in den Religionen und Riten Nordasiens und Nordamerikas als Seelenführer fungiert und mit einer vielfältigen Flug- und Vogelbildlichkeit assoziiert ist.

Die Traumvision lässt sich in vier Segmente unterteilen:

  1. nächtlicher Flug von East Anglia nach München;
  2. Beschreibung der Schlachtszene Altdorfers;
  3. traditionelle, ideologische Deutung des Schlachtenausgangs als „Sieg des Westens über die asiatischen Horden“, ergänzt um die Anekdote, die den Einsatz von Kunstwerken zur Illustration ideologischer Programme beleuchtet;
  4. erneuter Flug, die Gesamtkomposition des Bildes würdigend, was ermöglicht, die ideologische Komponente der menschlichen Geschichte wechselnder Machtverhältnisse einer sie relativierenden, überwältigenden Naturschönheit von kosmischen Dimensionen gegenüberzustellen.

Der Betende, der über Sebalds Haus in East Anglia aufsteigt, mühelos hoch in den Lüften wie ein Rochen unter Wasser durch die hereinbrechende Nacht gleitet, den Kanal überquert und der unheimlich beleuchteten Industrielandschaft rheinaufwärts nach Süden folgt, formuliert das Flugerlebnis als eine Art Metamorphose in ein anderes, flugbegabtes Wesen. Der Flug erscheint paradox als die Verkörperlichung von Levitation, als körperliche Erfahrung der vom menschlichen Körper getrennten Seele. Der Blick zur Erde streift über eine verschmutzte Industrielandschaft, beschrieben als monströses, amorphes, im Sterben und Verrotten noch sich fortzeugendes Geschöpf.
Die Sinneswahrnehmungen verstärken den Eindruck einer ekstatischen, entkörperlichten Erfahrung, der zeitliche Bezugsrahmen scheint zu expandieren als auch zu kollabieren. Die Reise endet nicht mit der Ankunft des Reisenden in der Pinakothek, sondern indem er in einer Überempfindlichkeit, die ihm anzuzeigt, dass er „dem End schon so nah“ ist. Reiseziel und Ende der Zeit fallen ineins, woraufhin, Himmel und Erde von einem zweifach geschliffenen Schwert geteilt werden, der Raum hell erleuchtet wird und in großartiger Vogelperspektive der Blick Altdorfers sich auf die Schlachtenlandschaft öffnet.
Zunächst liest Sebald das Gemälde im Sinne der Inschrift und der Banner, anschließend relativiert er die Lektüre durch zwei Anekdoten.
Die erste aus der Schulzeit:
Als glücklich
Beschrieb der kluge Kaplan,
der einen Öldruck des Schlachtbilds
neben der Tafel aufgehängt hatte,
diesen Ausgang der Dinge. Er sei,
sagte er, eine Demonstration
der notwendigen Vernichtung aller
aus dem Osten heraufkommenden Horden
und also ein Beitrag zur Geschichte des Heils.

Die zweite aus der Kafka-Lektüre:
Seither hab ich bei einem andern
Lehrer gelesen, wir hätten den Tod vor uns,
so etwa wie im Schulzimmer an der Wand
ein Bild der Alexanderschlacht.
Die imperialistische Deutung wird in der ersten Anekdote vom rassistischen Religionslehrer aufgegriffen und als Einengung des Bildes kritisiert durch Hervorhebung der Tatsache, dass es sich bei dieser Art von Bildbetrachtung um eine Reduktion des Gemäldes auf eine Illustration handelt. Hier geht es nicht um das gewaltige Ölgemälde, sondern nur mehr um einen neben der Tafel aufgehängten Öldruck. Die andere Anekdote bedient sich der Alexanderschlacht wiederum als Illustration, doch diesmal werden der mediale Charakter der Reproduktion und die Beliebigkeit dieser Art von Bildbetrachtung hervorgehoben: Was für den Kaplan einen „Beitrag zur Geschichte des Heils“ illustriert, veranschaulicht für einen anderen Lehrer, nämlich den Schriftstellerkkollegen Kafka, die Konfrontation mit dem Tod.

Gegen diese Bildlektüren, die beide das Bild auf eine Illustration einer übergeordneten Wahrheit reduzieren, wird die Bildbetrachtung - und das Gesamtgedicht - zum Abschluss gebracht, zurückkommend auf die Vogelperspektive des Gemäldes Altdorfers:
Ich weiß jetzt, wie mit dem Aug
eines Kranichs überblickt man
sein weites Gebiet, wahrhaftig
ein asiatisches Schauspiel,
und lernt langsam an der Winzigkeit
der Figuren und der unbegreiflichen
Schönheit der Natur, die sie überwölbt,
jene Seite des Lebens zu sehen,
die man vorher nicht sah. Wir blicken
über die Schlacht hin und sehen,
von Norden nach Süden schauend,
sehn wir ein Lager mit weißen
persischen Zelten im Abendglanz liegen
und eine Stadt an der Küste.


Dieser zweite Blick erkennt, was Altdorfers Bild vor anderen Darstellungen von Alexanders Sieg über Darius auszeichnet:
Kann das Gemälde einerseits hinsichtlich der enormen Fülle kleinster Detaildarstellungen – die beiden Protagonisten verlieren sich beinahe im Meer ihrer Truppen – als eine wahre tour de force der Miniaturmalerei gesehen werden, beeindruckt andererseits der weit reichende Blick über diesen Teil der Erde. Altdorfer hatte eine schematische Landkarte der mediterranen Welt zum vorbild und in eine kosmische Landschaftsdarstellung transformiert: ein Blick, der sich bis zum Niltal und zum Roten Meer erstreckt und den Himmel zwischen Mond und untergehender Sonne einschließt. Auch wenn das ideologische Darstellungsanliegen, das Altdorfer mit dieser Perspektive verknüpfte, im Aufweis der globalen Bedeutung dieses Sieges gelegen haben mag, bewirkt diese exaltierte Vogelperspektive zugleich eine radikale Relativierung allen menschlichen Unternehmens; sogar heroische Leistungen verblassen ins Unbedeutende hinsichtlich der Größe und Schönheit der Natur.
Das Gedicht endet mit dem Ausblick, der als Alternative zur schreckenerregenden Apokalypse als Vision einer die Dunkelheit verdrängenden Helligkeit inszeniert wird, aber nicht als Ankündigung dieser Hoffnung, sondern bewusste Fiktion:
Das Nildelta ist zu erkennen,
die Halbinsel Sinai, das rote Meer
und weiter noch in der Ferne
das im schwindenden Licht sich
auftürmende Schnee- und Eisgebirge
des fremden, unerforschten und
afrikanischen Kontinents.

In seinem erneuten Flug als Schamane, begleitet vom Kranich, wird der Reisende Vermittler zwischen radikal getrennten Welten. Er verweist nicht auf etwas anderes, sondern stellt Wunder und Hoffnung, das Staunen und den Flug in der erneuten Rückkehr zum Bild wieder als Original her.
Der Dichter produziert zuletzt ein Kunstwerk im Prozess des Erinnerns und Entdeckens nicht ideologisch vorprogrammierter Einsichten, anhand derer er Szenen des Grauens, der Zerstörung und der Grausamkeit wahrzunehmen vermag, ohne sie zu beschönigen, aber auch ohne sie als notwendig und unvermeidbar in eine deterministische Geschichtserzählung einzuordnen; er setzt sie vielmehr neben Szenen voll sinnlicher Schönheit.

nach Dorothea von Mücke



Der Verfasserin ging offensichtlich die vernichtende Kritik Richard Sheppards an Sebalds Werk (er war ein Freund) zu nahe ("Inevitable, when critics and academics begin to try to understand a writer whose work is as dense and as many-layered as W. G. Sebalds, much of the work is ephemeral, reductionist and not well founded" - Unvermeidlich, wenn Kritiker und Akademiker anfangen zu versuchen, einen Schriftsteller zu verstehen, dessen Werk so dicht und vielschichtig ist wie das W. G. Sebalds, wo so viel kurzlebig, reduktionistisch und nicht sehr gut begründet ist), wenn sie schreibt, das müsse von einem Literaturwissenschaftler erst einmal verdaut werden.
Und sie fasst zusammen:
Sebald gibt dem Leser wie Wissenschaftler das Gefühl der Uferlosigkeit der Interpretationsmmöglichkeiten. Vermutlich wolle er genau das dem Leser vermitteln: Wurzel- und Haltlosigkeit ...