Start
Odyssee
Index Homer
Index KV
James Joyce
Index Joyce
Orte
Leben
Film Amadeus

Januar
Februar
März
April
Mai
Juni
Juli
August
September
Oktober
November
Dezember





Nachwort

Mozart, der in Verkleidungen aufwuchs, lag viel daran, diese beizubehalten. Den Kinderschuhen entwachsen, muss er erkennen, dass die Küsse, die er für seine Darbietungen in den erlauchten Kreisen empfing, nicht ihm, sondern einem kostümierten Wunder galten. Die Nöte und Sehnsüchte eines zu klein geratenen und wenig ansehnlichen Jungen interessieren niemanden.

Es gilt, dem Bild des »grossmächtigen Wolfgangus« zu entsprechen. Und so übt er sich weiter in der Kunst des Verkleidens. Selbst seine Briefe, an Eloquenz kaum zu überbieten, machen den Eindruck, als wären sie im Kostüm geschrieben. Ihrer Wirkung konnte er gewiss sein - ob sie ihn nun im Adligenrock, im Trauergewand oder im Harlekinshabitus zeigen - und dass sein wahres Selbst dahinter verborgen bleibt, mag ihm nur recht sein, denn dieses ist für den Umgang mit den Menschen schlecht gerüstet.
Da, wo er es aber hätte offenlegen und einer menschlichen Empfindung zugänglich machen wollen, findet er es in seinem Kostümfundus oft gar nicht mehr. Sein Selbstvertrauen - wenn er denn jemals eines hatte - schwindet zusehends, und seine Angst vor Lebens- und Liebesverlust treibt so manche Stilblüte, die darüber hinwegtäuschen soll, dass hier ein zutiefst verunsicherter Mensch spricht :

Witz oder Wehmut? Scherz oder Schmerz? Dies schreibt ein bereits kranker, müder Amadé, dem Ehre, Ruhm und Preis abhanden gekommen sind und der fürchten muss, auch noch den letzten realen Bezug zu dieser Welt zu verlieren: Constanze.

Was ist aus jenem Helden der Salons geworden, der einem Salzburger Fürsten frech den Dienst aulkündigte, um frei zu sein für die Gunst der Welt, den schließlich doch ein Kaiser aus der ärgsten Not befreite, ein neuer Herr, für den der Knecht Abscheu und Bewunderung in einem hegte? Ein Leporello, der gerne Don Giovanni wäre!
Und was geschieht nun mit diesem Helden, dessen sittliche Kraft jede Schranke niederreißt, dem keine Autorität Einhalt gebieten kann, den weder Bürgermoral noch Aristokratensitte schrecken und der seinen "Opfern" Riegel und Tür zur Lust öffnet? Er fällt seinem eigenen Anachronismus zum Opfer - und geht unter! Es ist der Zeitgeist, der Hand an ihn legt: der als "steinerner Gast" wiedererstandene Komtur.

Der gleiche mächtige Akkord, der zu Beginn der Don Giovanni-Ouvertüre synkopisch verschoben die gesellschaftliche Basis der Handlung als eine brüchige kennzeichnet, bringt ihn nun zu Fall. Der Boden wird ihm nach allen Regeln der musikalischen Kunst unter den Füßen weggezogen. Es wird deutlich, dass es für ihn in dieser Welt keinen Halt mehr gibt. Wäre Don Giovanni nicht so schlecht auf den Ohren - Leporello ermahnt ihn immer wieder zum Hinhören - wäre ihm auch nicht entgangen, dass ihn dieses disparate d-Moll-Motiv seit seinem Mord am Komtur unablässig verfolgt und jede weitere Eigenmächtigkeit als Verstoß gegen die sittliche Ordnung dieser Welt verwarnt.
Es ist aber auch die Tonart von Mozarts unvollendetem Requiem, mit der er sich von einer Welt verabschiedet, die dem Wunderkind doch so viel Glück verhieß...


Odysseus, der nach 20-jähriger Irrfahrt zurück nach Ithaka kommt, muss feststellen, dass sich seine Heimat verändert hat, auch er in seiner Psyche und seinen Empfindungen weit weg von den Realitäten....
Schwelbrände lodern dort, wo einst blühende Landschaften waren, Reichtum ist in Armut umgeschlagen. Die Menschen empfangen den einstigen Helden keinesfalls freundlich, nennen ihn Städteverwüster und Verbrecher. Sogar seine Frau Penelope erweist sich als äußerst zurückhaltend. Politisch hat sich eine Opposition, die Reformer, gebildet. Und Odysseus? Er tut das, was er immer getan hat, schlägt die Reform blutig nieder …
Wird diese Interpretation Ransmayrs "Odysseus, Verbrecher" der Odyssee gerecht?
Der Krieg hat keine Gewinner. Selbst wenn jemand lebend entkommt, ist er an der Seele beschädigt. Wie wahr - aber einzige Aussage Homers? Sie zielt lediglich auf das Hirn des Lesers, nicht aber auf das Herz. Sie erinnert an jene staubtrockene Schullektüre, mit der Deutschlehrer ihre gelangweilten Mittelstufenschüler quälen, ihnen damit jegliche Liebe zur Literatur gründlich austrieben, wo alles getilgt ist, Zwischentöne und Beiwerk - also all das, was ein Buch lesenswert macht.

Lest die Odyssee, fahrt nach Ithaka, nach Troja und in die Ägäis!

Lauscht der Musik Amadés!

An der Form der Odyssee haben wir im Lauf des Jahres - soweit ersichtlich - erstmalig - festgestellt:
Jeweils etwa 30 Verse erzählen eine Episode, exakt ein Jahr braucht also ein Sänger, um die Odyssee in 365 Stücken vorzutragen.

Amadeus und Odysseus, Amadysses, Leopold Bloom, der Dubliner Ulysses, verwobene Biografien, die erzählen wie es zugeht auf der Welt, wo ein jeder von uns entlangzieht auf seiner Odyssee ...


Das Jahr mit Amdysses geht zu Ende.

Die geniale Schilderung eines - des wohl größten Musikgenie-Lebens hat uns 1984 Miloš Forman mit dem Film "Amadeus" geschenkt:
AMADEUS

PS
Meine Tochter heißt Constanze ...


James Joyce und Hans Wollschläger

An die Tür heftet Wollschläger Joyce-Photo. Wenn er, auf dem Weg zum Arbeitstisch, morgens daran vorbeikam, schüttelte er ihm die Faust ins Gesicht. "Unter der Schwierigkeit der Übersetzung war ich am Anfang so resigniert, dass ich eine richtige Wut hatte auf das Buch und den Mann."
Acht Jahre lang bschäftigt ihn Joyces Ulysses, vier davon ausschließlich. Dem Menschen Joyce fühlt sich Wollschläger immer noch fern.
Die karge Geschichte erweist sich als die allerreichste, genug für tausend Romanseiten. Einmal, weil mit ihr eine penible Rekonstruktion der Dubliner Szene jenes Tages einhergeht: ein Stadtporträt von einzigartiger Genauigkeit. Dann, weil in ihrem leisen Fortgang langsam das Innerste der Figuren nach außen gewendet wird: ein Tiefenporträt der Seele. Und schließlich, weil sie auf lockere, aber vielfache Weise auf die Irrfahrten des Odysseus und andere Monumente der abendländischen Kulturgeschichte (Aristoteles, Dante, Shakespeare, Vico) bezogen ist: ein historisches Porträt des Okzidents.
Ein Roman so voller Realien, voller Bezüge seiner Motive aufeinander, voller Anspielungen und Zitate, dass eine geschäftige philologische Industrie jetzt über ein halbes Jahrhundert lang nach Symbolen und Bedeutungen jagt, ohne dass ein Ende abzusehen wäre. Ulysses reichert die Belanglosigkeiten eines Alltags in einer Stadt am Rande Europas derart dicht mit Bedeutung an, dass sie mythische Qualität gewinnen. Ulysses-Leser besuchen heute Dublin wie klassisch gebildete Geister Troja.
Der Joyce-Biograph Richard Eilmann nannte es den schwierigsten aller unterhaltsamen und den unterhaltsamsten aller schwierigen Romane. Der Joyce-Forscher Jean-Jacques Mayoux schrieb, in keinem anderen Buch habe jemals ein Mensch einen ähnlich großen Aufschluss über sich selber gegeben. "Ich wünschte um meinetwillen, ich hätte es nie gelesen", schrieb T.S. Eliot 1921 nach der Lektüre des Manuskriptes an Joyce, als wäre er von ihm persönlich bedroht.
"Das obszönste Buch der Weltliteratur". 1933 hebt Bezirksrichter Woolsey in seinem historischen Urteil den Bann auf: Ulysses sei mitnichten obszön, sondern nichts Geringeres als der Entwurf "einer neuen literarischen Methode für die Beobachtung und Beschreibung der Menschheit".
Das vorletzte Kapitel ("Ithaka"), im Stile eines wissenschaftlichen Katechismus geschrieben, endet mit einer der poetischsten Stellen der Literatur: Blooms kleiner und doch großer, großmütiger Geist sinkt weg in den Schlaf: "… der Kindmann müde, das Mannkind im Mutterschoß. Mutterschoß? Müde? Er ruht. Er ist gereist. Mit? Sindbad dem Seefahrer und Tindbad dem Teefahrer ..."
Wollschläger: "Die Irrfahrten des Odysseus Bloom spilen sich in der Sprache abspielen, und zwar nicht nur 'auch', sondern einzig und allein". Und: Ulysses ist "eines der schallendsten Witzbücher der Literatur".



PS
Wollschläger hat in dem Buch an einer Stelle seine Signatur hinterlassen. In dem Bordell-Kapitel "Circe", wo der tiefste Seelensatz von Bloom und Stephen in einer Art psychoanalytischer Revue körperliche Gestalt annimmt, taucht nach einer besonders rätselhaften Passage auf Blooms Stichwort "Ich fange gleich an zu schreien" eine Figur auf, die im Original nicht vorkommt. Sie heißt "Jack the Bower"; und ein "bower" könnte unter anderem ein "Wollschläger" sein. "Bloom: Ich fange gleich an zu schreien! Jack the Bower (in Trauerkleidung, mit gesträubtem Schamhaar, in der Hand ein überzogenes Bankkonto, macht eine Einfügung): Ich ebenfalls. Götter selbst vergebens."

Nach Dieter E. Zimmer, DIE ZEIT Nr.6, 1976




PPS

Genau 76 Jahre nach Leopold Bloom bekommt ein anderer Odysseus Schwindel.Gefühle als er über das Merckwürdige Faktum der Liebe und Dr. K.s Badereise nach Riva schreibt, als er All'estero weilt:
Ich war damals, im Oktober 1980 ist es gewesen, von England aus, wo ich nun seit nahezu fünfundzwandzig Jahren in einer meist grau überwölkten Graf-schaft lebe, nach Wien gefahren in der Hoffnung, durch Ortsveränderung über eine besonders ungute Zeit hinwegzukommen, schreibt er in dem einmaligen "Sound", der ihm den Nobelpreis gesichert hätte, wäre er nicht nach einem Herzinfarkt mit dem entgegenkommenden LKW kollidiert und ums Leben gekommen.
"Joyce der Gegenwart" nennen ihn Kenner, der wie Odysseus Ithaka, Ulysses Dublin so Max Wertheim als Il ritorno in patria nach langer Abwesenheit erlebt: Dort in der äußersten Provinz Deutschlands ist Max wie James am Rande Europas in Irland geboren - beide erlangen sie literarische Weltgeltung:
W. G. Sebald und Joyce - beide Die Ausgewanderten.

-->