Wie die freie Marktwirtschaft unser Gehirn verwirrt
Warum sie den Klimawandel nicht beheben kann
Jedes Mal, wenn sich die Wachstumsraten verlangsamen, ist die Angst groß. Das System der freien Marktwirtschaft ist zu einer Form des
Autoritarismus geworden. Wie alle autoritären Systeme bietet es nur eine Denkweise an und wehrt sich dagegen, seine Macht in Frage zu stellen.
Es verlangt von den Bürgern, dass sie gefügig sind und akzeptieren, was die Kapitalisten ihnen sagen.
Um zu gedeihen, muss ein autoritäres System die Menschen davon überzeugen, dass es einfache Lösungen für fast alle ihre Probleme bieten kann.
Diese Lösungen müssen nicht immer funktionieren. Die Menschen müssen nur glauben, dass sie funktionieren.
Das bedeutet, dass Menschen, die in autoritären Systemen aufgewachsen sind, dazu neigen, eine relativ einfache Sicht der Welt zu haben.
Fast alles ist schwarz und weiß, weil das System abweichende Ansichten verurteilt. Es sucht nach einfachen Antworten, egal wie komplex die Fragen sind.
Das System der freien Marktwirtschaft passt gut in dieses Schema, sie ermutigt uns, ein einfaches Weltbild zu haben, in dem wenig Platz für Grautöne ist.
Also wählen die Menschen Donald Trump oder den Brexit oder die AFD.
Die freie Marktwirtschaft ist die Lösung für fast alle Probleme, zentrale Anlaufstelle für ein besseres Leben. In diesem System ist die Aussicht auf Gewinn
die einzige, zwingende Triebkraft. Die Tatsache, dass die Gewinne in den Taschen einer winzigen Anzahl von Menschen landen, kehrt das System unter den Teppich.
Wenn jemand diesen Makel erwähnt, sagt man den Menschen, dass die freie Marktwirtschaft die Armut verringern wird. Ja, Milliarden von Menschen sind arm.
Aber das lässt sich ganz einfach beheben, das neoliberale System kann es schaffen. Alles, was man braucht, ist die Kraft des freien Handels und ein Minimum an
Regulierung. Dadurch erhalten die Armen Arbeitsplätze. Die Unternehmen können mehr Geld verdienen. Alle können gemeinsam aufsteigen.
Die Not der Armen wird sich wie von Zauberhand von selbst lindern, aber man ignorniert die Tatsache, dass dieser Ansatz bereits seit mehr als 75
existiert und dennoch zwei Drittel der Weltbevölkerung immer noch von weniger als 10 Dollar pro Tag leben.
ILO-Bericht 2020:
Unzureichend bezahlte Arbeit betrifft fast eine halbe Milliarde Menschen
Das nachhaltigen Entwicklungsziel Nr. 1, Beseitigung der Armut bis 2030, ist unerreichbar. Die Arbeitsarmut (Einkommen von weniger als 3.20 US-Dollar pro Tag
in Kaufkraftparität) betrifft mehr als 630 Millionen Arbeitnehmer, das ist jeder fünfte Erwerbstätige weltweit.
Man sagt den Menschen, dass Wirtschaftswachstum die Lösung für die Ungleichheit ist, aber das stimmt nicht. Das System der freien Marktwirtschaft
vergrößert in Wirklichkeit die Kluft zwischen Arm und Reich, weil der Wohlstand zu denjenigen fließt, die Geld zum Investieren haben - den Reichen -
und weg von den Armen. Aus diesem Grund sind die Gesellschaften heute ungleicher als 1820, bevor die Industrialisierung einsetzte.
Genauso erzählt man den Menschen, dass Wirtschaftswachstum Arbeitsplätze schafft. Das ist zumeist unwahr, denn Wachstum vernichtet in der Regel
Arbeitsplätze. Wachstum entsteht durch Produktivitätssteigerungen, die häufig darauf zurückzuführen sind, dass die Unternehmen die Zahl ihrer Beschäftigten
reduzieren, indem sie Arbeiter durch Maschinen ersetzen.
Die freie Marktwirtschaft hat das Ausmaß und die Dringlichkeit des Klimawandels, dieses existenziellen Problems, stets unterschätzt. Das macht Sinn, denn der Klimawandel
ist die größte Bedrohung für das neoliberale System.
Also erzählt man den Menschen, dass der freie Markt das Problem lösen wird.
Kluges Geld wird in neue Möglichkeiten für erneuerbare Energien, Kohlenstoffabscheidung und Elektroautos fließen. Die Menschen werden die Chance
haben, die Welt zu retten, indem sie ihr Kaufverhalten ändern. Landwirte werden das Ertragspotenzial erkennen, das sich aus der Anpflanzung von mehr
Bäumen und ökologischen Kulturen ergibt. Innovatoren werden, angelockt durch die Aussicht auf Gewinne, bald wunderbare neue Technologien zur
Emissionsreduzierung entwickeln. Dank der freien Marktwirtschaft können die Gesellschaften dem Klimaproblem ausweichen und gleichzeitig Gewinne erzielen
und das Wachstum ankurbeln.
Das tat der Neoliberalismus
Diese Geschichte ignoriert die Tatsache, dass das System der freien Marktwirtschaft die Ursache für die Erwärmung des Planeten ist.
Der Drang nach mehr Leistung braucht mehr Energie. Da diese zu mehr als 80 % aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe stammt, erzeugt der Wunsch
nach Wirtschaftswachstum die Gase, die das Gleichgewicht der Atmosphäre stören.
Elektroautos, gigantische Offshore-Windparks, Kohlenstoffpreise und Solarpaneele haben trotz Milliarden von Dollar keinen spürbaren Einfluss auf die
Erwärmung und werden auch in den nächsten zehn Jahren keinen nennenswerten Einfluss haben. Da ist ein Problem, die Zeit, die uns bleibt,
um eine Katastrophe zu vermeiden.
Da eine Energiewende weg von fossilen Brennstoffen nicht möglich ist, besteht die einzige Möglichkeit, den Klimawandel zu verlangsamen,
darin, die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas zu reduzieren. Das bedeutet eine Verkleinerung der Wirtschaft. Um der Menschheit eine Überlebenschance
von 50:50 zu geben, müssen die Emissionen um 8 % pro Jahr sinken. Das bedeutet, dass die Volkswirtschaften bis 2030 um 60 % verkleinert werden müssen.
Die Menschen schütteln den Kopf. Das kann einfach nicht wahr sein.
Die traurige Wahrheit ist, dass das meiste von dem, was nötig ist, um eine Katastrophe zu vermeiden, überhaupt keinen Profit abwirft. Es lässt sich kein Geld verdienen,
wenn man die fossilen Brennstoffreserven im Boden lässt. Mit der Schließung der Zementindustrie oder der Beendigung der Abholzung der Wälder ist kein Geld zu verdienen.
Es lässt sich kein Geld damit verdienen, Nitratdünger zu verbieten oder den öffentlichen Nahverkehr kostenlos zu machen, um die Nutzung privater Autos zu reduzieren.
In dem Maße, in dem sich die Auswirkungen des Klimawandels beschleunigen, verschwinden die Möglichkeiten, Geld zu verdienen.
Es ist nicht profitabel, Land zu bewirtschaften, das kein Wasser hat. Es gibt keine Möglichkeit, mit Millionen von Menschen Geld zu verdienen, wenn sie obdachlos sind
und hungern. Es wird nicht möglich sein, Wohlstand zu schaffen, indem man versucht, Pflanzen ohne Bestäuber anzubauen oder endlose Waldbrände zu bekämpfen.
Es lässt sich kein Geld damit verdienen, den Süden Floridas, die griechischen Inseln oder Teile Kaliforniens zu verlassen, wenn es unmöglich wird, dort zu leben.
Könnte etwa Covid-19 all dies ändern?
Eine Zeit lang gab es ermutigende Anzeichen.
Mehr als ein Jahr lang bewies das Virus, dass es möglich war, die Menge der schädlichen Emissionen schnell zu reduzieren und die Menschen dafür zu bezahlen,
zu Hause zu bleiben. Es schien sogar die Chance zu bestehen, dass die Menschen beginnen würden, das System zu hinterfragen und zu verstehen, dass es einen
besseren Weg gibt, dass es möglich ist, ohne 60-Stunden-Woche zu leben, und dass sie sich von ihrer Konsumzwangskette befreien könnten.
Doch der Neoliberalismus schlug schnell zurück. Er erhöhte den Druck, zur "Normalität" zurückzukehren, aufmachen, reisen Sie wieder. Eure egoistische
Konsumpause ist vorbei. Lasst die Wirtschaft nicht so leiden. Das wird sich natürlich ändern, denn die Menschheit kann nicht weiterhin die Ressourcen der Welt
im Rhythmus von zwei Planeten verbrauchen, wenn es nur einen gibt. Das System der freien Marktwirtschaft kann die existenziellen Probleme, die es verursacht hat,
nicht lösen, während es sie weiter verschlimmert.
Irgendwann in naher Zukunft werden die Folgen der jahrzehntelangen Umweltzerstörung durch den Neoliberalismus für fast jeden unübersehbar werden.
Dann wird die kleine Zahl von Menschen, die derzeit erkennen, dass der Kaiser der freien Marktwirtschaft nur mit schmutziger Unterwäsche und nicht mit einem magischen
Anzug ausgestattet ist, wachsen.
Dies wird den Gesellschaften die Chance geben, zu einem besseren System der menschlichen Entwicklung überzugehen, das auf nachhaltigen Grundlagen beruht.
Es ist nicht schwer, sich eine bessere Zukunft vorzustellen, in der die Menschen weniger arbeiten, weniger konsumieren und in größerer Harmonie leben. Es ist auch nicht schwer zu glauben,
dass die Mehrheit der Menschen auf diese Weise glücklicher wäre.
Das babylonische Gebäude der freien Marktwirtschaft wird einfach zusammenbrechen sich selbst umbringen,
aber die Verantwortlichen werden immer ausgeklügeltere Wege erfinden, um von den Geschehnissen abzulenken. Sie werden den Fluch unerwarteter Viren,
Jahrhundertüberschwemmungen (auch wenn sie alle sechs Monate auftreten), Zusammenbrüche der Versorgungskette, die Unnachgiebigkeit der Landwirte,
politische Feinde und China oder Russland für die Probleme verantwortlich machen. Sie werden neu definieren, was Nachhaltigkeit bedeutet, uns sagen,
dass eine Waldbrandsaison etwas Natürliches ist, und munter darüber reden, was durch Geo-Engineering erreicht werden kann.
Kannibale Kapitalimus
Die kapitalistische Klasse ist eine kannibalische Gruppe, die sich von allen anderen ernährt. Sie verbraucht die Substanzen der Familien und Gemeinschaften, Lebensräume und Ökosysteme, staatlichen Einrichtungen und öffentlichen Gewalten, um sich selbst vollzustopfen.
Der Ouroboros, die sich selbst kannibalisierende Schlange, die ihren eigenen Schwanz frisst, ist ein treffliches Bild für das System, das darauf ausgerichtet ist, die sozialen, politischen und natürlichen Grundlagen seiner eigenen Existenz zu verschlingen – und damit auch die Grundlagen unserer Existenz, eine institutionalisierte Fressorgie, deren Hauptgericht wir selbst sind.
Kapitalismus ist eine Gesellschaftsordnung, die eine profitorientierte Wirtschaft dazu befähigt, die außerökonomischen Stützen, die sie zum Funktionieren braucht, auszuplündern: Reichtum, der der Natur und unterworfenen Bevölkerungen entzogen wird; vielfältige Formen von Care-Arbeit, die chronisch unterbewertet, wenn nicht gar völlig verleugnet werden; öffentliche Güter und staatliche Befugnisse, die das Kapital sowohl benötigt als auch zu beschneiden versucht; die Energie und Kreativität der arbeitenden Menschen.
Kapitalismus ist eine Gesellschaftsform, die es einer offiziell als solche bezeichneten Wirtschaft erlaubt, monetären Wert für Investoren und Eigentümer anzuhäufen, während sie den nicht ökonomisierten Reichtum aller anderen verschlingt. Indem sie diesen Reichtum den Konzernen auf dem Silbertablett serviert, lädt sie diese ein, sich an unseren kreativen Fähigkeiten und an der Erde, die uns ernährt, zu laben – ohne die Verpflichtung, das, was sie verbrauchen, wieder aufzufüllen oder das, was sie beschädigen, zu reparieren. Und damit sind den verschiedensten Problemen Tür und Tor geöffnet. Sie ist darauf ausgerichtet, ihre eigene Substanz zu verschlingen. Sie ist ein wahrer Dynamo der Selbstdestabilisierung, der regelmäßig Krisen auslöst, während er routinemäßig die Grundlagen unserer Existenz auffrisst.
Können wir uns zusammentun, um den gesamten Krisenkomplex anzugehen, den dieses System hervorgebracht hat – nicht »nur« die Erderwärmung, nicht »nur« die fortschreitende Zerstörung unserer kollektiven Fähigkeiten zu öffentlichem Handeln, nicht »bloß« den Generalangriff auf unsere Möglichkeiten, füreinander zu sorgen und soziale Bindungen aufrechtzuerhalten, nicht »bloß« die unverhältnismäßige Belastung der armen, arbeitenden und rassifizierten Bevölkerung mit den daraus resultierenden Folgen, sondern die allgemeine Krise, in der diese verschiedenen Übel miteinander verwoben sind? Können wir uns ein emanzipatorisches, gegenhegemoniales Projekt der ökologisch-gesellschaftlichen Transformation vorstellen, das umfassend und visionär genug ist, um die Kämpfe unterschiedlicher sozialer Bewegungen, politischer Parteien, Gewerkschaften und anderer kollektiver Akteure zu koordinieren – ein Projekt, das darauf abzielt, den Kannibalen ein für alle Mal zu Grabe zu tragen?
Die Alternative kann nicht nur darauf abzielen, die Wirtschaft des Systems neu zu organisieren. Sie muss auch das Verhältnis des Systems zu all jenen Formen des Reichtums umgestalten, die es derzeit kannibalisiert. Es muss also vor allem eines neu erfunden werden, nämlich das Verhältnis von Produktion und Reproduktion, von privater und staatlicher Macht, von menschlicher Gesellschaft und nicht menschlicher Natur. Haben wir eine Chance, den unerbittlichen Drang des kannibalischen Kapitalismus zu besiegen, uns mit Haut und Haaren aufzufressen?
Ich zweifle.
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