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James Joyce
Ulysses

Setzt dennoch die Segel und legt ab!

Ulysses ist kein Roman, sondern Reportage und Bewusstseinsstrom - also Achtung: Gezeitentabelle zur Hand! Ungemein starke Abdrift.

Der Tidenhub in der irischen Ulyssee beträchtlich, es gibt unzählige Seehandbücher zum Revier, geistig hochfliegend, verschroben abseitig, aufgeblasen, Bloom droht im Meer der selbsternannten Revierkundigen zu versinken.

Das Buch ist schweinemäßig ordinär, antisemitisch, gebildet, banal, gewöhnlich, maniriert bis zum Untergang - und ganz viel Geklautes: An erster Stelle bei Homer: Ulysses ist Odysseus. Jedoch - im Gegensatz zur Odyssee - Null action. Es passiert nichts. Alltäglicher Trott, ein Tag wie jeder andere. 16. Juni 1904 in Dublin, exakt topografisch abgebildet. Straßen, Plätze, Geschäfte, Kneipen, Kirchen und Institutionen, Küste, Flüsse, authentisch, Wegstrecken nach Länge und Zeit stimmig. Geld haarklein in doppelter und dreifacher Buchführung, stetig Preisangaben nach Schilling, Pfund und Krone. Fressen, Geschwätz, Menstruation, Onanie, Saufen, Schwangerschaft, Stuhlgang, Pissen, Pinten, Pupsen, Puff...

Autbiographisches: Stephen Dedalus = Autor, Bloom = Jude, hochgradiger Erotiker, Voyageur, Sado-Masochist, Bordellgänger, gehörnter Ehemann, dauerhaft Sündenträumer, bisexuell, Exhibitionist, Molly, seine Frau.

Ketzerischer Atheismus. Gnadenlose Kritik an Religion und Kirche in zotig-proletarischem Ton. Durch und durch provinziell, Fokus akribisch auf die Stadt Dublin, rückständiges Land am äußersten Rand Europas. Joyce hat den Ruf, der "Antichrist" schlechthin zu sein.

Ideal, hoch am Wind durch die Fülle der Details zu kreuzen, keine der belanglosen Einzelheiten wichtig. Vorsicht bei Untiefen und Klippen! Bestimmt den Kurs nach Laune! Werft die gelieferten Schemata über Bord! Latein aber sollte man können.

Ganz viel großartiger Humor, allgegenwärtige Komik. Joyce konterkariert, parodiert und spiegelt die heroische Welt der Antike wie unser heutiges Dasein im profanen, spießigen und proletarischen Dublin. Reißt permanent Zoten, zitiert, lästert.
Sein Neffe:
Vieles ist enorm lustig. Beim Zyklopenkapitel hält man sich den Bauch vor Lachen. Schade, dass die das Buch heute so verzweifelt ernst nehmen.

Stecht wieder - immer wieder - in die Ulyssee, wenn ihr denn heil zurückgekommen seid (und nichts erlebt habt).

Vielleicht enthüllen sich neue Details, finden sich Rätsellösungen und übersehene Wracks.
Nicht aufgeben und die Zähne zusammenbeißen!

Und - wie könnte es anders sein: Das Buch hat viele Skandale erzeugt, zuletzt erst wieder 2018.

Groß angekündigt hat Suhrkamp, der Joyce verlegt, die Neuerscheinung der legendären Hans-Wollschläger-Übersetzung: 10 Jahre arbeitet ein Team an dem Projekt, nimmt 5.000 Verbesserungen vor.

Wollschlägers Erbin Gabriele Gordon alias Wolff untersagt die Veröffentlichung. Die Bearbeitung stelle »einen unzulässigen Eingriff in die Wollschläger-Ulysses-Übersetzung« dar. Wahr bleibt, dass dieser selbst seinen Ulysses für nicht fehlerfrei hielt. 10 Jahre akribischer Arbeit eines Teams engagierter, dem Werk Joyces und Wollschlägers verpflichteter Frauen und Männer sind zunichte gemacht und uns Lesern das eigene Urteil geraubt. Darüber tröstet auch nicht hinweg, dass Suhrkamp 200 Exemplare der Neuedition zu Forschungszwecken an wissenschaftliche Einrichtungen freigibt. Nur das Vorwort dürfen wir lesen.



James Joyce * 1882 Rathgar (heute Stadtteil Dublins) als erstes von 10 Kindern,
† 1941 Zürich.
Der Vater besitzt eine kleine Saline und ein Kalkwerk, wird 1887 bei der Dublin Corporation als Steuereintreiber eingestellt, aufgrund seines starken Alkoholkonsums und finanzieller Fehlplanung rutscht die Familie in die Armut ab.

James besucht das von Jesuiten betriebene Internat Clongowes Wood College, das er 1892 verlassen muss, weil der Vater das Schulgeld nicht mehr zahlen kann. 1893 erhält er einen Platz an dem Jesuiten-Belvedere College in Dublin. Die Erwartung der Jesuiten, dass Joyce sich dem Orden anschließt, gehen nicht in Erfüllung: Ab seinem 16. Lebensjahr lehnt Joyce den Katholizismus ab, studiert ab 1898 am University College Dublin moderne Sprachen, insbesondere Englisch, Französisch und Italienisch. Viele Freunde an der Universität werden Vorbilder für die Charaktere seiner Werke.

Unter dem Vorwand, Medizin zu studieren, geht er nach Paris, kehrt aber nach Dublin zurück, als im April 1903 seine Mutter an Krebs erkrankt. Da sie die Gottlosigkeit ihres Sohnes fürchtet, bittet sie ihn erfolglos, die Kommunion zu nehmen und die Beichte abzulegen. James Joyce weigert sich vor ihrem Tod, mit dem Rest der Familie am Totenbett zu beten.
Nach ihrem Tod setzt James seinen hohen Alkoholkonsum fort, während sich die Situation der Familie verschlechtert.
1904 Gewinn Bronzemedaille im Wettbewerb der Tenöre bei einem Musik-Festival.

Am 16. Juni 1904 trifft Joyce seine spätere Lebensgefährtin
Nora Barnacle zum ersten Mal, Ulysses beschreibt diesen Tag in Dublin ("Bloomsday"), den Joyce-Fans bis heute jedes Jahr feiern.
Nach einem Trinkgelage in ein Handgemenge verwickelt, bringt ihn Alfred H. Hunter (eines der Modelle für Leopold Bloom) nachhause, ein Bekannter seines Vaters, dem nachgesagt wird, Jude zu sein, jedoch eine ungläubige Frau zu haben. Joyce freundet sich mit
Oliver St. John Gogarty (Modell für Buck Mulligan) an.
Er übernachtet sechs Nächte in Gogartys Martello Tower, es kommt zum Streit zwischen ihnen, in dessen Verlauf Gogarty mit einer Pistole auf mehrere Pfannen schießt, die über Joyce’ Bett hängen. Dieser geht nachts zu Fuß nach Dublin, wo er bei Verwandten übernachtet. Kurz darauf zieht er mit Nora Barnacle aufs europäische Festland.
Zuerst versuchen sie, in Zürich Fuß zu fassen, wo Joyce Lehrerposten an der Berlitz-Sprachschule zu haben glaubt. Der Direktor der Schule vermittelt ihn nach Pola, den österreichisch-ungarischen Flottenstützpunkt, wo Joyce von 1904 bis 1905 hauptsächlich Marineoffiziere unterrichtet.

Pula

Nach Entdeckung eines Spionagerings werden alle Ausländer 1905 ausgewiesen, Joyce geht nach Triest und unterrichtet Englisch.

Triest

1905 wird Sohn Giorgio geboren. Zu Joyces Schülern zählt Ettore Schmitz (Italo Svevo), jüdischer Freidenker, er gilt als Hauptmodell für Leopold Bloom. Joyce holt seinen Bruder Stanislaus nach Triest, ihr Verhältnis ist gespannt wegen des nachlässigen Umgangs mit Geld und des hohen Alkoholkonsums von James.
1906 Rom, 1907 zurück in Triest, Geburt Tochter Lucia. 1909 besucht er mit seinem Sohn seinen Vater in Dublin, bewegt seine Schwester Eva zur Übersiedelung nach Triest, wo sie Barnacle im Haushalt unterstützen soll. Nach einem Monat will er in Dublin ein Kino eröffnen.

Beginn des Augenleiden, das zahlreiche Behandlungen und Kuren notwendig macht. 1915 Zürich, Kontakt mit Verlegerin Harriet Shaw Weaver, die ihn in den nächsten 25 Jahren finanziell unterstützt, nach Kriegsende Triest. 1920 Paris, wo er die nächsten 20 Jahre lebt. 1922, an seinem 40. Geburtstag, beendet Joyce einer selbstgesetzten Frist gemäß Ulysses.
1931 Heirat mit Barnacle in London, Tochter Lucia an Schizophrenie erkrankt, wird von C. G. Jung untersucht (der nach der Lektüre von Ulysses überzeugt ist, dass auch James Joyce an Schizophrenie leidet). Der Enkel Stephen Joyce verbrennt 1982 mehrere tausend Briefe zwischen Lucia und James.
1940 zurück nach Zürich, wo er 1941 stirbt, Nora Barnacle lebt dort bis zu ihrem Tod 1951 unter bescheidenen Verhältnissen.

Ich habe so viele Rätsel,
Anspielungen und abstruse Denksportaufgaben
in den Ulysses eingebaut,
dass die Professoren Jahrhunderte brauchen werden,
um herauszufinden,
was ich nun genau damit gemeint habe.
Das scheint mir der einzige Weg zu sein,
sich die Unsterblichkeit zu sichern.



Berühmter - gotteslästerlicher - Anfang:

Hört rein in die phantastische Hörspielfassung von Klaus Buhlert im SWR

Seltsam, dass das Buch in die höchste Weltklassekategorie aufsteigt Neubearbeitung des uralten Epos. Gleich bei seinem Erscheinen besser gesagt Einbrechen in die literarische Szene, preisen, umjubeln, verfemen, verbieten sie ihn. Ulysses rückt umstritten an die vorderste Front.



Bloomsdays











Dublin





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Stichwort Triest

Als Joyce 1904 sich voll Hoffnung und Sehnsucht in Triest niederlässt, ist die Stadt am Meer - wie sein Geburtsort Dublin - ein Hort der Dichter und Trinker, doch ungleich freier als die irische Hauptstadt: kosmopolitisch, tolerant, laizistisch und reich.
Zwei Varianten existieren über sein Eintreffen. Renzo Crivelli:
James Joyce geht zunächst in eine der zahlreichen Kneipen, gerät dort in ein Handgemenge besoffener Seeleute, die Polizei arrestiert ihn.
John McCourt:
Joyce versucht bei einem Unfall auf der Straße zu dolmetschen und die Polizei verhaftet ihn gleich mit. In jedem Fall aber lässt er seine Lebensgefährtin Nora mittel- und hilflos am Bahnhof zurück: Dem ehemaligen Zimmermädchen sind alle Sprachen fremd, die man hier versteht: Deutsch, Kroatisch, Slowenisch, Jiddisch, Griechisch, Ungarisch oder Italienisch.
In Triest beginn Joyce mit den Vorarbeiten zu Ulysses, gewinnt auch intensive Einblicke in die jüdische Kultur und Lebensweise - vor allem durch seine Freundschaft zu Italo Svevo, in Leopold Bloom porträtiert.
Die Bordelle, die Joyce frequentiert, sind heute Trattorien gewichen, Triest ist ein Ort der italienischen Provinz geworden. Die Plaketten, welche die Stadt an den Gebäuden anbringen ließ, wo Joyce ein- und ausging (er zog, notorisch ver- schuldet, mit Frau und beiden in Triest geborenen Kindern in 12 Jahren 11 Mal um), sind praktisch nur mit dem Fernrohr zu lesen.

Joyces Wohnungen in Triest


Stichwort "General Slocum"

Einen Tag vor Bloomsday ereignet sich die tödlichste Schiffskatastrophe der USA auf dem New Yorker East River. Mit dem Tod von mehr als 1000 Deutsch-Amerikanern wird auch eines der lebendigsten Einwandererviertel New Yorks - "Kleindeutschland" - ausgelöscht. Die Tragödie ist heute so gut wie vergessen.
Ein fröhlicher Schiffsausflug hat es werden sollen, mit Picknick, Musik und Tanz. 1358 hauptsächlich Frauen und Kinder - kaum jemand von ihnen kann schwimmen - besteigen an dem sonnigen Morgen die "General Slocum", größtes und glanzvollstes Ausflugsboot New Yorks.
Eine halbe Stunde nach dem Start bricht Feuer an Bord des Schaufelraddampfers aus. Löschversuche scheitern: der einzige Schlauch verrottet, er platzt. Schwimmwesten: unbrauchbar. Rettungsboote: lassen sich nicht aus der Verankerung lösen. Brandschutzübungen: Fehlanzeige.
Das 76m lange und 21m breite Schiff sinkt vor der Küste der Bronx. Hunderte Passagiere ersticken, verbrennen oder ertrinken im heftigen Wellengang. Viele von ihnen, die nicht schwimmen können, werden wurden durch ihre damals modische schwere und lange Kleidung zusätzlich in die Tiefe gezogen.
Tagelang werden an den Küsten New Yorks Leichen angeschwemmt. "Ein Horrorspektakel, das sich mit Worten nicht beschreiben lässt" steht damals in der Zeitung.
Obwohl die Tragödie heute so gut wie in Vergessenheit geraten ist, ist sie nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 noch immer die größte Katastrophe in der Geschichte New Yorks. Der Kapitän überlebt das Unglück schwer verletzt; er wird zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

Links

Ulysses, englisch
Personenverzeichnis, englisch
Musik in Ulysses, englisch
The Story of Ireland 4of5 Age of Union
Die grüne Insel
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